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Fehlermanagement

Psychologische Sicherheit im Team: Der unterschätzte Schlüssel zu besserer Zusammenarbeit

Dr. Katja Maurer 30. Juni 2026 5 Min. Lesezeit

Sie leiten ein Meeting. Sie bitten die Runde ausdrücklich, Ideen und Bedenken frei zu äussern. Und was passiert? Stille. Vielleicht ein paar vorsichtige Zustimmungen. Niemand spricht unbequeme Wahrheiten an.

Liegt es an mangelndem Engagement? Wenig wahrscheinlich. Es liegt viel öfter an einem Mangel an psychologischer Sicherheit im Team.

Was ist psychologische Sicherheit?

Der Begriff in seiner organisationalen Bedeutung geht auf die MIT-Professoren Edgar Schein und Warren Bennis zurück, die ihn 1965 in ihrem Buch «Personal and Organizational Change Through Group Methods» eingeführt haben. Sie beschrieben psychologische Sicherheit als Grundvoraussetzung dafür, dass Menschen in Organisationen bereit sind, sich zu verändern und Risiken einzugehen.

Die heute massgebliche wissenschaftliche Definition stammt von Amy Edmondson, Professorin an der Harvard Business School. In ihrer Studie von 1999 definiert sie psychologische Sicherheit als «a shared belief held by members of a team that the team is safe for interpersonal risk taking», die gemeinsame Überzeugung aller Mitglieder eines Teams, dass es innerhalb des Teams sicher ist, zwischenmenschliche Risiken einzugehen.

Wichtig: Es geht nicht um die einzelne Person, sondern um das Team als Ganzes. Nicht darum, ob Sie einem Kollegen vertrauen, sondern darum, wie das Team als Einheit reagiert, wenn Sie eine Idee einbringen, eine unbequeme Frage stellen oder von einem Fehler berichten.

Was Google herausfand

Ab 2012 führte Google unter dem Projektnamen «Project Aristotle» eine umfangreiche Untersuchung durch, um herauszufinden, was erfolgreiche Teams auszeichnet. Dabei wurden 180 Teams aus allen Unternehmensbereichen analysiert.

Das Ergebnis überraschte die Forschenden: Nicht die Zusammensetzung des Teams war entscheidend, also nicht welche Persönlichkeiten zusammenarbeiten, sondern wie sie zusammenarbeiten. Und der bedeutendste Einzelfaktor war psychologische Sicherheit. Charles Duhigg berichtete im Februar 2016 in der New York Times darüber und machte das Konzept damit einem breiten Publikum bekannt.

Entscheidend ist nicht, wer im Team zusammenarbeitet, sondern wie zusammengearbeitet wird.

Woran erkennen Sie fehlende psychologische Sicherheit?

Die Anzeichen sind oft subtil:

Schweigen und Zurückhaltung: Mitarbeitende bringen keine kritischen oder innovativen Ideen ein, aus Angst, beurteilt zu werden.

Defensives Verhalten: Statt Fehler einzugestehen, reagieren Teammitglieder mit Ausreden oder Abwehr.

Konformität: Es wird der Mehrheitsmeinung zugestimmt, ohne eigene Perspektiven einzubringen.

Keine Fragen bei unklaren Themen: Wer befürchtet, als inkompetent wahrgenommen zu werden, fragt lieber nicht nach.

Und das, obwohl Sie in Meetings sagen, Sie wollen offene Rückmeldungen. Das Verhalten spiegelt die Teamkultur, nicht die Worte der Führungskraft.

Vertrauen ist nicht dasselbe wie psychologische Sicherheit

Ein wichtiger Unterschied: Vertrauen entsteht zwischen einzelnen Personen. Psychologische Sicherheit entsteht im Team als Ganzes.

Sie kennen sicher die Situation: Im Meeting sind alle scheinbar einer Meinung, keine Einwände, alles ruhig. Danach stehen drei Teammitglieder auf dem Korridor und beschweren sich, was das für eine schlechte Entscheidung war. Zwischen diesen Personen besteht Vertrauen. Im Team herrscht keine psychologische Sicherheit.

Das Ergebnis: Kritische Themen werden nie im Team angesprochen. Entscheidungen werden nicht wirklich getragen. Fehler bleiben im Verborgenen.

Wie Sie psychologische Sicherheit in Ihrem Team aufbauen

Das Gute vorab: Teams können lernen, mit Veränderungen, Unsicherheiten und Fehlern konstruktiv umzugehen. Psychologische Sicherheit lässt sich entwickeln. Aber sie muss im Team erarbeitet werden und kann nicht von oben verordnet werden.

Tipp 1: Fragen Sie Ihr Team aktiv. Nutzen Sie Umfragen und offene Fragen wie: Was könnte ich übersehen haben? Wo sehen Sie kritische Punkte? Das signalisiert: Ich will Ihre ehrliche Einschätzung.

Tipp 2: Führen Sie Feedback-Runden mit offenen Fragen ein. Nicht «Läuft alles gut?», sondern «Was lief im letzten Monat gut, und wo haben wir Potenzial verpasst?»

Tipp 3: Leben Sie Fehlerfreundlichkeit vor. Sagen Sie explizit: Wir wissen, dass Fehler passieren werden. Lassen Sie uns darüber reden und daraus lernen. Und leben Sie das selbst vor, indem Sie über eigene Fehler sprechen.

Tipp 4: Führen Sie Blame-Free-Regeln ein. Erarbeiten Sie mit dem Team gemeinsam Regeln, die Schuldzuweisungen verhindern. Fehler werden analysiert, nicht sanktioniert.

Tipp 5: Lernen Sie Stärken und Schwächen kennen. Teams, die mehr voneinander wissen, was jemanden stresst, worin jemand besonders gut ist und was der beste Arbeitstag war, entwickeln mehr Verständnis füreinander und damit mehr Sicherheit.

Tipp 6: Geben Sie Mitarbeitenden Verantwortung. Wer in einem psychologisch sicheren Umfeld arbeitet, übernimmt mehr Verantwortung, nicht weniger. Amy Edmondson hat in Untersuchungen in Krankenhäusern gezeigt, dass Teams, die offen über Fehler sprechen, weniger schwerwiegende Fehler machen.

Das Risiko der Pseudoharmonie

Ein häufiges Missverständnis: Wenn es ruhig ist im Team, läuft alles gut. Das stimmt nicht. Was oft hinter der Ruhe steckt, ist Pseudoharmonie. Niemand will den Frieden stören. Kritische Nachfragen werden vermieden, um keinen Konflikt zu riskieren.

Langfristig entlädt sich diese aufgestaute Spannung. Irgendwann explodiert es. Oder die besten Leute gehen, weil sie sich nicht mehr einbringen können.

Fazit

Psychologische Sicherheit ist keine Wohlfühloption. Sie ist eine betriebswirtschaftliche Notwendigkeit. Teams mit hoher psychologischer Sicherheit überstehen Krisen besser, reagieren agiler auf Veränderungen und liefern bessere Ergebnisse.

Und als Führungskraft sind Sie die wichtigste Variable dafür.

Möchten Sie psychologische Sicherheit in Ihrem Team fördern?

Ich führe Teamdiagnosen durch und begleite Führungskräfte dabei, eine Kultur aufzubauen, in der Offenheit und Lernbereitschaft wirklich gelebt werden.

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Oder hören Sie direkt rein: Folge 5 des Podcasts «Fehler.Prozess.Erfolg» auf allen gängigen Plattformen.

Quellen:
Schein, E. H. & Bennis, W. G. (1965): Personal and Organizational Change Through Group Methods. John Wiley & Sons, New York.
Edmondson, A. C. (1999): Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383.
Edmondson, A. C. (2018): The Fearless Organization. Wiley, Hoboken.
Duhigg, C. (2016): What Google Learned from Its Quest to Build the Perfect Team. New York Times Magazine, 25. Februar 2016.
Google re:Work: Project Aristotle. rework.withgoogle.com

Dieser Beitrag basiert auf Folge 5 des Podcasts «Fehler.Prozess.Erfolg» von Dr. Katja Maurer.

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