Ein Fehler ist ein Fehler. Alle gleich schlimm, alle gleich zu behandeln?
Nein. Das ist zu kurz gedacht und kostet Unternehmen mehr als nötig: Zeit für die falschen Massnahmen, Energie für überdimensionierte Reaktionen und Glaubwürdigkeit bei Mitarbeitenden, die merken, wenn ein System nicht differenziert.
Die kluge Frage lautet: Macht es Sinn, Fehler zu kategorisieren? Und was bringt das konkret?
Warum eine Fehlerklassifizierung sinnvoll ist
Nicht jeder Fehler hat dieselbe Ursache, dieselben Auswirkungen oder erfordert dieselbe Reaktion. Wenn alle Abweichungen über denselben Kamm geschert werden, geht der Fokus auf das verloren, was wirklich wichtig ist.
Eine sinnvolle Klassifizierung von Fehlern bringt Ihrer Organisation folgendes:
Struktur: Sie wissen, womit Sie es zu tun haben, bevor Sie reagieren.
Sicherheit: Klare Kategorien und definierte Vorgehensweisen bringen Ruhe in die Abläufe. Mitarbeitende wissen, was zu tun ist.
Gezielte Massnahmen: Unterschiedliche Fehlerarten erfordern unterschiedliche Reaktionen. Eine Klassifizierung hilft, die richtige Massnahme zu wählen, statt immer die grösste Keule herauszuholen.
Zwei grundlegende Fehlertypen
Im Unternehmenskontext lassen sich Fehler grob in zwei Haupttypen unterscheiden:
Vermeidbare Fehler
Das sind Fehler, die bei klaren Prozessen, ausreichender Schulung und aufmerksamer Ausführung nicht hätten passieren sollen. Klassisches Beispiel: ein Produktionsschritt wird übersprungen, weil die Arbeitsanweisung unklar formuliert ist oder weil niemand kontrolliert, ob sie eingehalten wird.
Diese Fehler sind nicht «dumm» wegen der Person, die sie macht, sondern weil das System sie zugelassen hat. Und das System lässt sich korrigieren.
Komplexe oder unvermeidliche Fehler
In neuen Situationen, bei Innovationen oder in hochkomplexen Abläufen passieren Fehler, die trotz guter Vorbereitung und professioneller Ausführung auftreten können. Diese Fehler sind nicht das Ergebnis von Nachlässigkeit, sondern von Unsicherheit und Komplexität.
Hier wäre es falsch, mit denselben Massnahmen zu reagieren wie bei vermeidbaren Fehlern. Wer experimentiert und dabei scheitert, darf nicht gleich behandelt werden wie jemand, der eine bekannte Anweisung ignoriert.
Was eine Fehlerklassifizierung im Unternehmen leisten kann
Im Rahmen eines gut aufgestellten Fehlermanagementsystems empfehle ich jedem Unternehmen, sich konkret zu überlegen, welche Fehlerarten bei ihnen typischerweise auftreten oder auftreten könnten.
Das Ergebnis ist eine Fehlertypologie, die die Reaktionen auf Fehler standardisiert, Eskalationsstufen definiert (Was kann das Team selbst lösen? Wann muss die Führung einbezogen werden?), Lernschleifen ermöglicht und die Fehlerkultur stärkt, weil Mitarbeitende wissen, dass nicht jeder Fehler gleich behandelt wird.
Fehler erfassen: immer. Fehler alle gleich behandeln: nie.
Das Erfassen von Fehlern und Abweichungen ist klar und ohne Ausnahme wichtig. Nur was dokumentiert ist, kann analysiert werden. Nur was analysiert wird, kann nachhaltig behoben werden.
Aber das bedeutet nicht, dass alle Fehler dasselbe Vorgehen auslösen. Die Klassifizierung ist das Bindeglied zwischen «Fehler erkannt» und «richtige Massnahme getroffen».
Fazit
Eine durchdachte Fehlerklassifizierung macht Ihr Fehlermanagement effizienter, fairer und lernorientierter. Sie verhindert Überreaktionen auf unvermeidliche Fehler und stellt sicher, dass vermeidbare Fehler konsequent verfolgt und systematisch behoben werden.
Möchten Sie ein Fehlermanagementsystem aufbauen, das wirklich funktioniert?
Ich begleite Unternehmen dabei, von der Fehlererfassung über die Klassifizierung bis zur nachhaltigen Massnahmenentwicklung ein System zu schaffen, das gelebt wird und nicht nur dokumentiert ist.
Oder abonnieren Sie den Podcast «Fehler.Prozess.Erfolg» für regelmässige Impulse zu Fehlermanagement und Führung.
Edmondson, A. C. (2011): Strategies of Learning from Failure. Harvard Business Review, April 2011. (Systematik vermeidbare vs. komplexe vs. intelligente Fehler)
Reason, J. (1990): Human Error. Cambridge University Press. (Klassifikation von Fehlertypen)
Womack, J. P. / Jones, D. T. (1996): Lean Thinking. Simon & Schuster.
Dieser Beitrag basiert auf Folge 6 des Podcasts «Fehler.Prozess.Erfolg» von Dr. Katja Maurer.
Beitrag teilen